Karriere bei der NASA

Prof. H. O. Ruppe und Mitarbeiter beim Besuch von Wernher von Braun an der TUM

„H. O. Ruppe kehrt nach Deutschland zurück!“ verkündeten stolz die Medien als Prof. Harry Oskar Ruppe im Jahre 1966 an die TUM berufen wurde. Geboren am 3. Mai 1929 in Leipzig und nach seinem Studium der theoretischen Physik an der jetzigen Technischen Universität Berlin begann Prof. Ruppes einzigartige Laufbahn im Jahre 1955 mit der Stelle als Assistent am Institut für Theoretische Physik. In dieser Zeit erarbeitet er sich die Grundlagen der Raumfahrt, womit er im Jahre 1957 im Entwicklungszentrum der NASA, USA, eine Stelle als qualifizierter Mitarbeiter bei Wernher von Braun antrat.

Dort arbeitete er im Future Projects Office als Projektleiter an den Mondsonden Pioneer 3 und 4. In dieser Zeit schloss er auch seine Promotion „Über die Kosten bemannter Marsflüge“ ab. Diesem Thema widmete er seine ganze wissenschaftliche Karrerie. Durch die Erfolge seiner Projektarbeit avancierte er vom Assistenten des Direktors bis zum Direktor des Future Projects Office. Im Jahre 1966 folgte schließlich der Ruf an die Technische Universität München, wo seine Geschichte als Lehrstuhlleiter für Raumfahrttechnik, sowie die des Studiengangs C, heute besser bekannt als Raumfahrttechnik, begann.

Für seine Studenten

Einweihung des Ernst Stuhlinger Laboratoriums mit (v.l.n.r) Dr. Martin Rott, Prof. H. O. Ruppe und Prof. Eduard Igenbergs

Im Mittelpunkt des neu geschaffenen Lehrstuhls stand natürlich die Person Prof. H. O. Ruppe. Mitarbeiter und Studenten schätzten vor allem sein ruhiges und aufmerksames Naturell, mit dem er eine fruchtbare Arbeitsatmosphäre schuf. Dabei hatte er die besondere Gabe, mit spannenden Vorträgen und Vorlesungen viele Menschen, sowohl Laien als auch Experten, für die Raumfahrt zu begeistern und somit viele seiner zukünftigen Mitarbeiter für sich zu gewinnen. Vor allem seine Anekdoten und Erfahrungen zogen die Zuhörer in seinen Bann. Neben seiner theoretischen Expertise profitieren die Studenten auch von seiner praktischen Erfahrung bei der NASA, die Ingenieure im Alltag so oft benötigen.

Professor Ruppe erfreute sich bei seinen Studenten wie Mitarbeitern stets großer Beliebtheit, was nicht nur an seiner hilfsbereiten und aufgeschlossenen Art lag. Studenten schätzten besonders, dass er stets an ihrer Seite gegen bürokratische Widrigkeiten kämpfte, in der Bewertung studentischer Arbeiten sehr fair war und jemanden auch mal eine zweite Chance gab.

Die neugegründete Studentengruppe für Raketentechnik WARR unterstütze er stets mit all seinen Möglichkeiten. Zusammen mit Robert Schmucker bot er ein breites Spektrum an Diplom- und Semesterarbeiten für jeden Studenten, der sich mit Raumfahrt beschäftigen wollte, ohne dabei an große Forschungsprojekte gebunden zu sein.  

Für seine Mitarbeiter

Mitarbeiter des Lehrstuhles für Raumfahrttechnik im Jahre 1971

Während seiner 28-jährigen Tätigkeit am Lehrstuhl stellte HO Ruppe ca. 70 Mitarbeiter ein, davon waren 49 Doktoranden, die er auf ihrem wissenschaftlichen Werdegang an der Universität betreute. Dabei stand stets ein Kredo an höchster Stelle, nämlich das der wissenschaftlichen Freiheit.

Wenn H.O. Ruppe das Thema eines Studenten oder Doktoranden gefiel und er darin einen wissenschaftlichen Sinn sah, konnte derjenige seiner Forschung frei nachgehen. So zog er zahlreiche eigenständige Führungskräfte, Experten und Professoren in der Raumfahrt und anderen Bereichen heran. Unter ihnen Prof. Schmucker als etablierter Experte und Unternehmer in der Raketentechnologie, Dr. -Ing. Kuczera als wichtige Führungskraft bei MBB, Dr.-Ing. Weishaupt, Leiter des Referats Technologieförderung im bayerischen Staatsministerium für Wirtschaft, Infrastruktur, Verkehr und Technologie und Prof. Dr.-Ing. Schlingloff als angesehener Hochschulprofessor.

Besonders hervorzuheben ist die enge Zusammenarbeit von Prof. Ruppe mit Prof. Igenbergs, der den Lehrstuhl von 1968 an stets begleitete und diesen im Jahre 1994 auch als Leiter übernahm. Die enge und respektvolle Zusammenarbeit wurde gerade durch fachliche Meinungsverschiedenheiten belebt. Eines der abendfüllenden Diskussionsthemen war die Frage, ob die Trägerrakete oder deren Nutzlast, die in den Weltraum transportiert werden soll, wichtiger sei. Durch ihre intensive Zusammenarbeit, insbesondere die Aufteilung der Kompetenzen in einen theoretischen und einen experimentellen Bereich, prägten beide den heutigen Lehrstuhl, auch noch weit nach ihrer aktiven Zeit.

Für die zukünftigen Generationen

Sein vielleicht größtes Vermächtnis hinterlässt uns Prof. Ruppe mit seinen Büchern, die er selbst als seine wichtigste Errungenschaft ansah. Mit dem zweiteiligen Lehrbuch Introduction to Astronautics und den populärwissenschaftlichen Bänden Chancen und Problem, sowie Werkzeuge und Welt der Reihe Die grenzenlose Dimension brachte Prof. Ruppe zahlreichen Menschen die Raumfahrt näher. Besonders seine einfache Ausdrucksweise ermöglichte Laien einen einfachen Zugang zur Raumfahrt und gewährten ihnen einen Eindruck von deren Problematik und Herausforderungen. Seine Bücher erfreuten sich einer so großen Beliebtheit, dass sogar Franz Josef Strauß, als er gefragt wurde, welches Buch er auf eine einsame Insel mitnehmen würde, antwortete: „Die grenzenlose Dimension von Prof. Ruppe“.

 

Professor Ruppe verstarb am 12. März 2016 im Alter von 87 Jahren. Mit ihm verlieren wir ein allseits hochgeschätztes, hoch angesehenes und äußerst philantropes Mitglied des Instituts für Raumfahrttechnik. Als exzellentem Wissenschaftler und für seine Beiträge zur bemannten Marsmission ist ihm die internationale Raumfahrt-Gemeinde zutiefst dankbar.

R.I.P.

 

Maximilian Prexl, Juli 2016