Aus dem D-2 Tagebuch von Ulrich Walter

Prof. Dr. Ulrich Walter

Lehrstuhl für Raumfahrttechnik

TU München, Garching

© 2004

Erschienen unter dem Titel
„Spaceflight – Das absolute Abenteuer“

StarObserver, Ausgabe Mai 1999, S.14-28

Abkürzungen: EST: Eastern Standard Time, Standardzeit an der Ostküste der USA
SRB: Solid Rocket Booster
MECO: Main Engines Cut-Off
Cue-Card: Eine Checkliste, auf der jede wichtige Aktivität stichwortartig in nur einer Zeile beschrieben ist.

Abgeschnitten von der Welt

Kennedy Space Center, Florida/USA, Shuttle Launch Pad 39A, 26. April 1993, 9:50h EST (Eastern Standard Time, Standardzeit an der Ostküste der USA).

Da liege ich nun, auf dem Rücken, die Beine angewinkelt nach oben, etwa 60 Meter über der Erde im Middeck unserer Columbia, eine der amerikanischen Raumfähren, die uns sieben Astronauten in wenigen Sekunden in den Weltraum bringen soll. Dies ist der Ort und der Zeitpunkt, auf den ich jahrelang hingearbeitet habe. Ich schließe das Visier und ... höre nichts mehr! Nur noch den aufs notwendig­ste reduzierten, stakkatoartigen Funkverkehr des Air-to-Ground kann ich wahrnehmen.

 

Man ist wie von der Außenwelt abgeschnitten. Man hört nichts mehr und, im Middeck wo mein Platz beim Start ist, sieht man auch nichts, bis auf die Schubladenwand vor, beziehungsweise über einem, auf die man dauernd starren muss und von der man hofft, dass sie beim Start nicht zufälligerweise eine ihrer Schubladen entlässt.

Doch dann der Start! Sechs Sekunden vor dem Abheben werden die drei Flüs­sigkeitstriebwerke am Shuttle gezündet. Die drücken die Spitze des Shuttles nach vorn, weil die Bolzen, die das System noch am Boden halten, an den beiden weißen, einige Meter abgesetzten Feststoffboostern angebracht sind. In diesen 6 Sekunden schwingen die Astronauten wie in einer Schiffsschaukel zunächst etwa 1,5 Meter nach vorn - was man deutlich spürt - und dann wieder zurück. Dabei vibriert und schüttelt das Shuttle dermaßen, dass es einem durch Mark und Bein geht, genauso wie bei einem Erdbeben. Ich, der ich drinnen sitze, höre nichts von dem überwältigenden Gedonner, das draußen dem Zuschauern das Zwerchfell beben lässt (das IMAX-Kino übertreibt hier etwas) und vom hellen, peitschenden Krachen der Feststoffbooster (das ich andererseits im IMAX vermisse). Und dann hört man über Funk nur: "SRB Ignition - Lift-Off!". Das Shuttle hat abgehoben … und was spürt man? Von 3g, der berüchtigten starken Beschleunigung von der dreifachen Stärke der Erdanziehung, keine Spur! Der Schub der Antriebe, immerhin zweimal 1200 Tonnen Schub der beiden Feststoffraketen plus dreimal 185 Tonnen Schub der drei Flüssigkeitsantriebe, übersteigt die 2000 Tonnen des ganzen Systems zwar um großzügige 50 Prozent; aber die Beschleunigung ist nicht stärker als die bei einem Flugzeugstart.

 

Die Feststoffraketen sind jetzt die Arbeitspferde, die das Shuttle durch die Wolkendecke drücken und ihre Urgewalt bestimmen das Erlebnis der ersten zwei Minuten des Aufstiegs. Ihr leicht ungleichmäßiges Abbrennen, bedingt durch eine inhomogene Verteilung des Treibstoffes, versetzen dem Shuttle schnelle, starke Beschleunigungsschläge, die es durch und durch erschüttern und es zu unregelmäßigen Schwingen anregen. Alles an Bord des Shuttles wird gnadenlos durchgeschüttelt. Es ist ein Ritt wie mit 100 Sachen über Kopf­steinpflaster - und es herrscht schweigende Stille. Nur ganz wenige Worte werden zwischen der Missionskontrolle und dem Commander gewechselt. Jeder der Beteiligten weiß, dass dies der mit Abstand kritischste Moment der ganzen Mission ist. Wenn jetzt etwas unvorhergesehenes passiert gibt es absolut keine Rettung. Auch die vielen Verbesserungen nach der Challenger-Katastrophe haben daran nichts geändert. Feststoffraketen sind wie Silve­sterraketen - sie lassen sich nicht abschalten. Selbst ein Absprengen der Booster würde nichts helfen! Ihre Schubkraft ist so enorm, der hohe Luftwiderstand beim plötzlich ausbleibenden Schub kann dem ganzen Schuttlesystem einen solchen Schlag versetzten, dass das gesam­te Shuttle auseinanderbräche! Sollte sich also, wie damals bei Challenger, der Feuerstrahl eines porös gewordenen Boosters wie ein Schneidbrenner in den externen Tank brennen – es ließe sich damals wie heute nichts dagegen tun. In diesen zwei Minuten ist die Besatzung dem Shuttle auf Gedeih und Verderb ausgesetzt. Daher diese schweigende Stille.

Von jetzt ab kein Zurück mehr

Die Beschleunigung, die Kraft, mit der man in den Sitz gepresst wird, hat zwischenzeitlich langsam zugenommen, in dem Maße, in dem das Shuttlesystem um den abgebrannten Treibstoff leichter geworden ist. Kurz vor dem Ab­schlussbrand der Feststoffbooster, genau zwei Minuten nach dem Abheben, sind 1,8g erreicht. Der Schub der ausgebrannten Booster geht schnell auf Null zurück und gleich darauf werden sie abgesprengt. Ist das vorüber, geht eine Art Aufatmen durch das Shuttle. Der ein oder andere kann sich ein "Jeahhh ..." nicht unterdrücken und jeder denkt genauso:

Die Gefahr ist vorbei! Die Probleme, die jetzt noch auftreten könnten, lassen sich alle irgendwie meistern, sie wären nicht mehr so lebensbedrohlich.

Nach diesem befreienden Schubloch, in dem die Booster abgesprengt wurden, erzeugen nur noch die Flüssigkeitsantriebe den Schub. Ihr Abbrand ist wesentlich gleichmäßiger als der der Booster. Man hat außerdem schon die dichten, turbulenteren Bereiche der Atmosphäre verlassen. Es sind kaum mehr Vibrationen zu spüren. Die ganze harmonische Kraft der Antriebe äußert sich jetzt ausschließlich in dem stetig zunehmenden Andruck in den Sitz.

Nach 4 Minuten 20 Sekunden kommt der "Negative Return Call" (Was bedeutet, dass im Ernstfall eine Rückkehr nach Kennedy Space Center und eine dortige Landung nicht mehr möglich wäre) von der Missionskontrolle Houston. Nach insgesamt 7½ Minuten, wenn der riesige, rostrote externe Tank zu 90% entleert und das Shuttlesystem weniger als 200 Tonnen leicht geworden ist, erst dann hat der Andruck durch den Schub der 3 Flüssigkeitsantriebe auf 3g zugenommen, so dass man sich zwingen muss zu atmen, weil es einfach angeneh­mer ist nicht zu atmen - trotz Atemnot -, als durch die Atmung den Brust­korb mitsamt dem schweren Anzug nach oben zu stemmen. Die Antriebe werden nun gedrosselt und es geht noch 60 Sekunden bei diesen 3g weiter. Dann, kurz bevor der Tank vollkommen entleert ist, lässt der Commander wissen: "In 10 seconds we have MECO" und innerhalb nur weniger Sekunden fährt er den vollen Schub auf null herunter. Genauso plötzlich entlädt sich der Andruck von 3g in die Schwerelosigkeit – ich bin im Weltraum!

 

Hier im Weltraum ist man sofort eingefangen von der Schwerelosigkeit, einem Gefühl, das es auf der Erde in dieser Form nie gibt. Zunächst macht sich diese neue Erfahrung bei etwa 70% aller Raumfahrer gar nicht wohltuend bemerkbar, sie leiden deswegen vielmehr an der Weltraumkrankheit. Man merkt es auch selbst: Bei jeder schnellen Drehung des Körpers, bei jeder schnellen Kopfbewegung wird einem mulmig. Als erste Gegenmaßnahme ziehen viele un­willkürlich den Kopf zwischen die Schulter, was die Kopfbewegungen stark einschränkt. Das mildert, verhindert jedoch nicht grundsätzlich den Gang des letzten Essens nach oben. Zurückhalten macht die Sache nur noch lang­wieriger. Ein Griff zur Tüte in der Brusttasche und einmal den Dingen freien Lauf lassen. Bei vielen gesellen sich noch Kopfschmerzen, Rücken­schmerzen, anhaltendes Unwohlsein, ... dazu. Die, bei denen absolut nichts mehr geht, lassen sich von ihrem Kollegen eine Spritze mit Phenagran set­zen, von ihrem Kommander vorläufig "arbeitsunfähig schreiben" und suchen sich zum Auskurieren der Raumkrankheits-Symptome für die nächsten Stunden ein ruhiges Eckchen - am besten ihre Schlafkoje.

 

Nun die gute Nachricht: Nach spätestens 36 Stunden ist alles vorbei und dann kann man die Schwerelosigkeit so richtig genießen. Schließt man nun in Ruhe die Augen und lässt sich langsam durch den Raum driften, die Arme und Beine in ganz lockerer Haltung leicht angewinkelt, dann gibt es nichts was einen noch beeinflußen könnte und man kann sich vollkommen auf das eigene Empfinden konzentieren.

Das Gefühl der Schwerelosigkeit

 

Ich hatte zunächst das Gefühl als wiederhole sich ein Traum. In meiner Jugend träumte ich oft, ich liefe vor unserem Hause eine abschüssige Straße hinunter. Ich wurde leichter und leichter und irgendwann hob ich ab und schwebte. Ich flog nicht, ich schwebte und nirgendwo sonst hatte ich im täglichen Leben je dieses Gefühl. Und genau dieses Gefühl, das ich während des Traumes hatte, ist nahezu identisch zu dem in der Schwerelosigkeit. Es ist unter Psychologen bekannt, dass der Traum vom Laufen, Abheben und Schwe­ben unter den Menschen sehr verbreitet ist. Ist also dieser Traum eine unbewusste Erfahrung der Schwerelosigkeit? Wie kann der Körper etwas sehr realistisches träumen was er nie wirklich erfahren hat? Oder ist dieser Traum eine lustvolle Variante des Verstandes auf die kurze aber gefährliche Schwerelosigkeitserfahrung "Fallen" im Alltag?

Was empfindet man im Zustand der Schwerelosigkeit? Zunächst fällt auf, dass etwas wichtiges fehlt. In welchem Bezug zur Umgebung befinde ich mich gerade? Wo ist die Decke mit den Lampen und wo der Boden? Ich weiß es nicht mehr. Ich habe auch kein Gefühl mehr dafür - und ein Oben und Unten gibt es tatsächlich nicht mehr!

 

Diese fehlende Beziehung ändert mein Empfinden radikal. Ich fühle mich nicht mehr in eine Welt eingebettet, die mich gerade noch umgab, sondern alles Sein reduziert sich nur noch auf mich. Wie kann es etwas anderes geben, zu dem ich keinerlei Beziehung mehr habe? Und selbst wenn es da irgendwo etwas gibt, ist es dann nicht dasselbe als wenn es das nicht gäbe? Ich habe das elementare Gefühl allein zu sein. Ich bin die Welt - sonst Nichts!

 

Diese Hinwendung auf das Ich lässt einen nur noch mehr in sich hineinhor­chen. Was hat sich an mir geändert? Mit fällt auf, dass nichts mehr bela­stet. Die Kleidung, die einen immer noch wärmt, schwebt wie eine Hülle um den eigenen Körper und liegt fast nirgendwo mehr auf. Auch sie ist schwer­elos und liegt weder auf den Schultern noch sonstwo auf. Es ist so eigenar­tig und ungewöhnlich, dass man mit den Schultern ein wenig wackelt, um zu fühlen, ob die Kleidung noch da ist. Aber nicht nur die Last der Kleidung fehlt, auch die Last des eigenen Körpers ist verschwunden. Kein Körperdruck mehr auf die Fußsohlen beim Stehen oder auf den Allerwertesten beim Sitzen. Die Arme liegen nirgendwo auf wie sonst immer. Es ist schon eigenartig: Erst in dieser Situation, wo man absolut nichts mehr vom Körper verspürt, erkennt man umfassend, welche Belastungen der Körper auf der Erde wirklich hat, obwohl es doch genau umgekehrt sein sollte! Erst nach dieser Erfahrung wird mir heute das kaum spürbare Herunterhängen der Wangen bewußt. Und jetzt dieses leichte Schmetterlingsgefühl in meiner Magengegend ist, wie ich heute weiß, das Ziehen der Eingeweide unter dem Einfluß der Erdschwere. In der Schwerelosigkeit ist einfach absolut nichts mehr davon da. Man ist im wahrsten Sinne des Wortes "vollkommen unbeschwert".

 

Vollkommen unbeschwert. Woran merke ich dann eigentlich noch, ob ich einen Körper habe, wenn nicht an diesen äußeren Eindrücken? Und die eigene Ant­wort ist verblüffend: Es scheint so, als gäbe es ihn tatsächlich nicht mehr! Nichts, aber auch gar nichts, deutet mehr auf ihn hin. Eigenartig, ein Sein ohne Körper! Aber was ist denn dann noch das, was ich als mein Sein empfinde? Auf der Erde hatte ich meinen Körper und im nachhinein erst merke ich, wie ich in der Erdschwere mein eigenes Sein doch nur über die Erfahrung des eigenen Körpers definierte. Ich wackle leicht mit den Schul­tern und tippe mit beiden Daumen auf die Zeigefinger. Jawohl, da ist er noch - da bin ich noch! Doch nun, ohne ihn, bin ich noch da? Natürlich bin ich noch da, ich spüre es, sonst könnte ich mir diese Frage nicht stellen! Aber genau das ist es! Das einzige was mir bleibt, was mich ausmacht, ist das Denken. Ich denke also bin ich!

 

Genau diese Gedanken gingen mir damals in dem Moment durch den Kopf und es war ein bemerkenswertes Gefühl, das ich nie mehr vergaß. Das ist das Beson­dere an der Schwerelosigkeit: Sie reduziert, auf einen selbst, auf den Geist.

Und dann ist da noch der unbeschreiblich schöne Blick auf die Erde.

 

Erwar­tungsvoll schaue ich hinaus und sehe ... Wasser! Nichts als tiefblaues Wasser! Meine tägliche Erfahrung, nach der die Erde praktisch nur aus Land besteht, wird zutiefst erschüttert. Zweidrittel der Erdoberfläche sind Wasser und nicht Land! Hier begreife ich es wirklich. Wahrscheinlich ist es der Pazifische Ozean und dabei wird es für die nächste halbe Stunde, also die nächsten 15.000km, auch bleiben. Das wenige was man sieht reicht aber vorerst zum Staunen. Strahlend weiße Wolkenformationen verschleiern kunst­voll das Blau des Meeres. Man könnte meinen, die Erde im Weltraum sei einer bayerischer Laune entsprungen: Die Wolken zusammen mit dem Meer bilden eine Komposition in bayerischen Nationalfarben vor dem pechschwarzen Hintergrund des Alls.

Aus dieser Entfernung von 300km ist die Erde zwar noch nicht als ganze Kugel zu sehen, aber die Erdkrümmung läuft bei richtiger Anordnung der Fenster gerade am oberen Gesichtsfeld entlang. Jetzt sieht man auch erst­mals was es bedeutet, dass der Durchmesser der Erde zwar 12.750 km beträgt, die Atmosphäre aber nur etwa 20 km dünn ist.

Bei diesem ins Auge springen­den Größenvergleich erscheint unsere irdische Schutzhülle wie eine hauch­dünne Reifschicht, so zerbrechlich, dass man glauben könnte, der geringste Windhauch genüge, sie einfach wegzufegen und jede Berührung, jede kleinste Beeinflussung hinterließe schwere Kratzer. Und in dieser gebrechlichen, zarten Schicht spielt sich all das ab, was wir Leben nennen. Das Leben, ein Balanceakt zwischen der mächtigen, undurchdringbaren Masse Erde und - ein Blick zur Seite - dem lebensfeindlichen Nichts des Alls! Der Mensch bewohnt nicht einmal die ganze Erde. Die Menschheit ist lediglich ein unscheinbarer Bazillus auf einer die Erde umspannenden Seifenblase, im unendlichen Meer des Universums.

Nach einigen Tagen kennt man jedoch dann "seine" Erde und man beginnt Zusammenhänge zu sehen, übergreifende Eigenschaften, die man Sie vorher nie erwartet hätte. Man hat beispielsweise gelernt, Kontinente an ihren Farben zu erkennen. Wann immer man hinunterschaut und Land sieht, weiß man, über welchem Erdteil man sich gerade befindet, denn jeder Erdteil hat seine charakteristische Farbe!

Südamerika etwa ist dunkelgrün. Die Farbe des Regenwaldes dominiert diesen Kontinent. Afrika mit seiner ausgedehneten Wüste Sahara und den angrenzenden Steppen und Savannen präsentiert sich in einem ocker-braun Ton. Australien: der gesamte Kontinent ein tiefes purpur-rot! Indonesien mit seinen vielen Inseln, dessen Regenwald stets im Dunst liegt, ebenfalls ein dunkelgrünes Farbmeer. Europa? Im Süden noch ein freundliches hellbraun, ansonsten nur graugrün - sollten die ebenso trost­losen Wolken ausnahmsweise einmal den Blick auf den Boden freigeben. Selbst die Wolken, ein trostloses Grau. Und hier beginnen man erstmals selbst die einfache aber zutreffende astronautische Faustformel abzuleiten:

 

Dort wo der Mensch nicht leben kann, in den Eis- und Sandwüsten, ist die Welt wunderschön und dort wo der Mensch lebt, leben kann, ist die Welt nicht oder auch nicht mehr so schön!

 

Es ist darüber hinaus sehr befriedigend zu sehen, wie nichtig die anschei­nend wichtigen menschlichen Probleme sind. Die Nachrichten im Fernsehen, voll von staatlichen und kriegerischen wie diplomatischen Auseinanderset­zungen. Aus dem Weltraum hat die Erde ein ganz anderes Gesicht. Für sie zählt der Mensch nichts. Sie käme auch gut, vielleicht besser, ohne ihn aus. In ihrer stoischen Ruhe sind die Menschen für sie von der Bedeutung, wie Bakterien für den Menschen. Staatliche Grenzen? Nichts dergleichen prägt die Erde. Was zählt sind Länder und Kontinente. Zwei Ausnahmen viel­leicht: Die schnurgerade Grenze zwischen Israel und Ägypten - sie verläuft sichtbar am östlichen Rande des Sinai und die ebenso geradlinige Grenze zwischen Angola und Namibia, 200 km nördlich der Etosha-Pfanne in Südwest-Afrika. Hier wie dort ist es jedoch nicht die Grenze selbst, die erkennbar wird, sondern der krasse Gegensatz zwischen der ausgedehnten Landnutzung zwischen den angrenzenden Staaten.

Faszination der Nacht

 

Der Eintritt der dreiviertelstündigen Nacht mag für den Astronauten, der einfach nur die Erde betrachten will, im ersten Augenblick verschenkte Zeit sein. Wenig später, wenn sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, ist die Erde bei Nacht ein ganz besonderes Schauspiel. Da sind zunächst die abendlichen Wärmegewitter, die sich bis in den irdischen Morgen hineinzie­hen. Das Lichterspiel der durch die Wolken gedämpften Blitze erinnern mich in zweifacher Hinsicht an das vom Flugzeug aus zu sehende Aufblitzen deto­nierender Bomben bei Nachtangriffen in alten Filmen des Zweiten Weltkriegs. Trotz ihrer zerstörerischen Wirkung geht von ihnen ein magisch-fesselnder Zauber aus. Ohne Zusammenhang blitzt es in schnellem Wechsel, mal hier mal dort, auf. Manchmal bildet sich aber ein Blitz, der bis zu hundert Kilome­ter weit durch die Wolken zuckt und dabei eine schlängelnde Spur zieht. Im Gegensatz zum furchterregenden Gewitter auf der Erde hinterlässt ein Gewit­ter aus dem Weltraum betrachtet einen eher gespenstischen Eindruck, denn ihm fehlt hier oben, genauso wie dem Bombenhagel vom Bomber aus betrachtet eine sehr irdische Zutat - der Donner!

 

Sollten Außerirdische nach dem Augenschein je den Schluß ziehen, die Erde sei mit intelligenten Wesen bewohnt - wobei sich darüber streiten ließe ob es wirklich Intelligenz auf der Erde gibt -, dann kommt ihnen diese Ein­sicht sicherlich, wenn es Nacht ist auf der Erde. Denn nachts, wenn nicht gerade Wolken die Sicht nehmen, bestimmt der Mensch das Bild der Erde. Diese grellen, scharf begrenzten Lichter der Städte, verbunden mit ihren Vorstädten durch die Spinnenfäden der Straßenlichter, sind ein markantes Zeichen für die Existenz höherer Wesen. Der Mensch hat sich die Nacht untertan gemacht. Nirgendwo sieht man dies deutlicher als aus dem All. Die Zivilisation präsentiert sich als verzweigtes Lymphsystem, das das Land durchzieht und das Meer rändert, weil gerade Küsten von Menschen bevorzugt bewohnt werden.

 

Milchstraße. Dieses Wort erhält seine ureigenste Bedeutung im Weltraum zurück. Um die Pracht des Sternenhimmels in voller Schönheit genießen zu können, müssen die Lichter auf dem Flugdeck allerdings ganz herunter gefah­ren werden. Das faszinierende dabei ist jedoch nicht nur die enorme Viel­zahl von Sternen, die sich dabei offenbart, sondern ihre erbarmungslose Klarheit. Wie feinste Nadelstiche in einem von hinten beleuchtetem Samttep­pich, so unverrückbar festgenagelt wirken sie am Firmament. Kein Funkeln haucht ihnen scheinbares Leben ein. Ihr stummes Dasein drückt einfach nur die unendliche Stille des Universums aus.

 

So schön der Blick auf die Erde auch sein mag, den allergrößten Teil der Missionszeit hat man als Astronaut und insbesondere als Wissenschaftsastronaut eigentlich der Arbeit geop­fert. Aber es ist wie immer mit der Erinnerung: Nur die schönen und eindringlichen Erleb­nisse bleiben haften, die monotone Arbeit wird schnell vergessen und die Zeit vergeht im wahrsten Sinne des Wortes wie im Fluge.

Abschied vom All

 

Nach zehn arbeitsreichen aber auch wunderbaren Missionstagen begebe ich mich zu meinem Sitz und bereite mich für den Wiedereintritt in die Erd­schwere vor, indem ich wie beim Start die Checkliste durchlese, insbesondere die Cue-Card für den Notfall. Das gibt mir die Beruhigung, dass man alles fest im Griff hat. Zum Schluss noch eine Vorsichtsmaßnahme: Damit beim ersten Aufstehen nach der Landung der Kreislauf nicht gleich zusammenbricht sind die Astronauten angehalten, die Flüssigkeitsmenge im Körper stark zu erhöhen. Dafür müssen mehrere Salztabletten geschluckt und jede Menge Wasser nachgetrunken werden. Das Salz bindet das Wasser im Körper und läßt es nicht gleich wieder von der Niere ausscheiden. Auf jeden Fall ist diese Prozedur wesentlich angenehmer als mehrere Liter Salzwasser trinken zu müssen. Wir sind nun fertig für den Wiedereintritt in die Erdatmosphäre.

75 Minuten oder eine halbe Erdumkreisung vor der Landung dreht der Commander zu­nächst das Shuttle so, dass es mit dem Schwanz vorausfliegt. Für uns ist dies vollkommen belanglos, ja, man merkt es nicht einmal, da es in der Schwerelosigkeit kein oben und unten gibt. Exakt eine Stunde vor der Landung werden die Orbitantriebe gegen die Flugrichtung für drei Minuten gezündet, wobei die Orbitgeschwindigkeit um lediglich 300 km/h veringert wird: Statt 28.000 km/h fliegen wir jetzt also nur noch 27.700 km/h schnell. Diese schein­bar belanglose Änderung reicht jedoch aus, um das Shuttle auf einer leicht elliptischen Umlaufbahn in tiefere Schichten der Erdatmosphäre zu bringen. Zwischenzeitlich hat der Commander das Shuttle wieder in die reguläre Fluglage gebracht und mit 35 Grad gegen die Flugrichtung angestellt. Das Shuttle verliert dabei zunehmend an Höhe und der Bordcompu­ter steuert in dieser Phase des Anfluges das Shuttle so, dass die Geschwindigkeit über die nächste halbe Stunde konstant 27.700 km/h bleiben wird. Der Luftwiderstand in diesen Höhen wird also ausschließlich dazu genutzt, die Flughöhe bei konstanter Geschwindigkeit abzubauen. Von dieser Anflugphase merkt man noch nicht viel. Die Luftwiderstandskräfte bleiben so gering, dass auch die entsprechenden Schwerekräfte noch unter 0,2g bleiben und da man mit den Gurten fest in den Sitz eingespannt ist, sind diese schwachen Kräfte noch nicht spürbar. Lediglich ein leicht zur Decke geworfener Gegenstand, zum Beispiel ein Kugelschreiber, läßt erkennen, wie tief man bereits in die Atmosphäre eingetaucht ist. Stößt er nicht mehr an die Decke, sondern kehrt er vorher seine Flugbahn langsam um, dann weiß man, es geht bergab.

 

Noch 25 Minuten bis zum Touchdown. Die Luftreibungskräfte haben stark zugenommen und bringen die Kacheln auf der Unterseite des Shuttle bei 1500°C zum glühen. Dabei wird die Luft so stark ionisiert, dass auch der Funkverkehr bis auf weiteres abbricht. Vom Temperaturanstieg merkt man im Anzug kaum etwas. Man schwitzt vielleicht vor Aufre­gung, weil nun das Shuttle deutlich schüttelt. Die Luftdichte ist in dieser Höhe von 120 km soweit angestiegen, dass sich das Shuttle aerodynamisch verhält und die Schwerkräfte so stark zugenommen haben, dass der Anti-g-Anzug (Der Anti-g-Anzug schützt durch den Druck von Luftpolstern auf Beine und Eingeweide vor einem Versac­ken des Blutes in den Unterkörper, und damit vor einer Blutunterversorgung, also einem Black-Out des Geh­irns.) aufgeblasen werden muß. Dies ist der Zeitpunkt, wo der Commander die Steuerung des Shuttles übernimmt. Von diesem Punkt an reduziert er auch die Geschwindigkeit des Shuttles durch verschiedene Roll- und Kurven­manöver.

 

12 Minuten vor Touchdown hat sich die Hitze an den Kacheln so weit verringert, dass der Funkverkehr wieder einsetzt. Das Shuttle ist jetzt in einer Höhe von 55 km und bei einer Geschwindigkeit von 12.000 km/h noch 900 km von der Landebahn der Edwards Air Force Base entfernt. Ich habe meinen Anti-g-Anzug nochmals kräftig aufgeblasen, weil die g-Belastung auf 1,3g zugenommen hat. Das ist nach der Schwerelosigkeit im Weltall ungewohnt anstrengend. Man hört, wie die Ansagen des Kommanders immer gepresster hervorstoßen, also auch er gegen die kör­perliche Schwäche ankämpft und ich bin froh, dass ich sitze und mein Gewicht nicht im Stehen halten muß.

Noch 5 Minuten. Jetzt beginnt der eigentliche Anflug auf die Landebahn. Das Shuttle schießt in 25 km Entfernung und mit einer Geschwindigkeit von Mach 2,5 im schrägen Gegenanflug auf die Landebahn zu, führt dann ein vorher genau festgelegtes Kurvenmanö­ver durch, das es exakt auf die Richtung der Landebahn bringt. Der Kommander braucht jetzt nur noch den Anstellwinkel des Shuttles so einstellen, dass es im Gleitwinkel von 22°, für einen Piloten fast wie ein Stein, in Richtung Aufsetzpunkt fliegt.

Die Geschwindigkeit hat sich weiter auf 700 km/h reduziert. 30 Sekunden vor dem Aufsetzen zieht der Komman­der die Nase des Shuttles nach oben, was den Gleitwinkel auf 1,5° reduziert und die Geschwindigkeit auf die Landegeschwindigkeit herabsetzt. Erst 15 Sekunden vor der Landung wird das Fahrwerk ausgefahren, weil die bisherige hohe Geschwindigkeit das Fahrwerk hätte abreißen können. Mit ziemlich genau 400 km/h setzt das Shuttle schließlich auf: Touchdown.

 

Vom Aufsetzen hat man jedoch kaum etwas mitbekommen, so sanft hat der Commander das Shuttle gelandet. Nur durch das Herunterzählen der Höhe des Piloten war man im Bilde, wie weit es noch genau bis zum Aufsetzen ist. Der Kommander hält die Nase des Shuttle jetzt nach dem Aufsetzen noch lange in den Fahrtwind, damit das Schuttle weiter an Fahrt verliert. Wenn das vordere Fahrwerk schließlich den Boden berührt, wird der Bremsfall­schirm ausgefahren, dessen effektive Abbremsung des Shuttles man im Shuttle deutlich spürt. Genau eine Minute nach dem Aufsetzen ist das Shuttle zum Stillstand gekommen. Ich lehne mich entspannt zurück und weiß:

 

Die Erde hat uns wieder!

 

 

Wer mehr über das Erlebnis eines Raumfluges mitsamt aller Vorbereitungen wissen und auch die Schönheit der Erde anhand vieler beeindruckender Bilder erleben möchte, dem sei das Buch "In 90 Minuten um die Erde", von Ulrich Walter er­schienen im Stürtz Verlag (ISBN 3-8003-0876-2), empfohlen. Wer zudem die Erde in all seiner Schönheit bewundern will, der kann sich interaktiv mit der CD-ROM „Mission Erde“, United Soft Media Verlag, 2000, (ISBN 3803217016) von Ulrich Walter auf eine Reise um die Erde begeben, so wie sie die Astronauten auf ihren Shuttle-Flügen und auf der Internationalen Raumstation erleben.