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Essen, Schlafen, Waschen, Toilette –
Alltag an Bord des Shuttles

Prof. Dr. Ulrich Walter
Lehrstuhl für Raumfahrttechnik
TU München, Garching

© 2004

Entnommen dem Buch «In 90 Minuten um die Erde» von Ulrich Walter

Stürtz-Verlag, 1997, ISBN 3-8003-0876-2

Irgendetwas hat mich aus meinem Tiefschlaf geholt. Ich wache auf und merke sofort: Ich bin in meiner Koje auf dem Shuttle! Ich liege nämlich nicht, ich schwebe in meinem blauen Leinenschlafsack, der genaugenommen nur verhindert, daß ich nicht wegdrifte. Irgendwie braucht der Körper für einen guten Schlaf aber zudem das Gefühl, auf irgendetwas zu lie­gen. Die NASA-Lösung ist genial einfach: Zwei breite Bänder über Füße und Bauch drüc­ken meinen Körper gegen den Boden der Koje und ein zusätzliches über meine Stirn läßt meinen Kopf sanft auf das keilförmige Kissen ruhen, denn nichts ist so ungemütlich wie ein beim Schlafen lose herumbaumelnder Kopf! So liege ich mit leicht angewinkelten Armen vor mir herschwebend (dies ist die entspannteste Haltung in der Schwerelosigkeit) in der Koje, die gerade einmal so groß ist wie meine Schultern breit, die Stahldecke vielleicht 30 cm von meine Nasenspitze ent­fernt und die Beine muß ich mit meinen 186cm Körpergröße leicht anwinkeln, weil meine Füße am Ende der Koje anstoßen.

Es ist stockdunkel in der Koje. Wieder höre ich Stimmen von draußen. Langsam schiebe ich die Schiebetür neben meiner rechten Schulter nach vorn und schaue hinaus. Im ungewohnt grellen Licht er­kenne ich deutlich zwei meiner Kollegen - auf dem Kopf stehend. Um genau zu sein, alles steht auf dem Kopf! Halt nein, ich bin es doch der verkehrt herum in der Koje liegt! Wegen der konisch zulaufenden Shuttlespitze ist nämlich diese unterste der vier an der Shuttlewand angebrachten Kojen auf dem Boden etwas kürzer als an der Decke. Deswegen ist hier, anders als bei den drei anderen, der Schlafsack an der Kojendecke angebracht und ich schlief eigentlich mit dem Rücken nach oben, wovon man natürlich nichts merkt, solange die Koje geschlossen ist.

Schlafen im Weltall

Ich schlüpfe aus meinem "Schuhkarton" und schwebe zunächst erstmal zur Küche, Früh­stück vorbereiten. Für die Toilette habe ich später Zeit, wenn der Kaffee aufwärmt. Ich durchquere die etwa drei Meter des Middecks bis zur Kücheneinrichtung, ein ungefähr 70cm breiter Schrank, der vom Boden bis zur Decke reicht. Das Frühstück befindet sich in der Schublade rechts neben der Küche. Mein Magen knurrt während ich aus der Vielzahl von Tüten und Schalen ich all die Sachen lang­sam heraus fingere, die einen kleinen braunen runden Aufkleber tragen. Jeder Astronaut an Bord hat seine vorgegebene Farbe, an der er seine Sachen, sei es nun Essen, Besteck, Kleidung oder sonstige persönliche Dinge, erkennt und braun ist nun mal meine Erkennungsfarbe. Laut dem von mir selbst vor dem Flug erstellten Plan sind es getrocknete Aprikosen, Blaubeer-Yoghurt, Müsli mit Blaubeeren, etwas Rührei, und eben schwarzer Kaffee mit Zucker. Das Müsli und das Rührei sind in kleinen rechteckigen Plastikschälchen mit Abdeckfolie eingeschweißt, damit alles schön beisammen bleibt während der Kaffee - eigentlich Kaffeepulver mit Zucker - in einer fla­chen Alutüte abgefüllt ist.

Essen im Weltall

Als erstes braucht das gefriergetrocknete Rührei etwas Wasser. Dafür befindet sich in der Küchenvorderseite ein kleiner Stahldorn in einer Aussparung, die genau so geformt ist, daß sie das Schälchen aufnehmen kann. Ich ziehe den darüberliegenden Bügel zurück, drücke das Schälchen auf den Dorn in die Aussparung und lasse den Bügel wieder los, der das so punktierte Schälchen nun in der Aussparung hält. Dann wähle ich an dem Drehrad rechts daneben eine entsprechende Wassermenge und drücke den gelben Knopf für warmes Was­ser. Habe ich das Schälchen wieder entnommen, muß ich den Inhalt mit den Fingern ein wenig walken, damit sich das Wasser gleichmäßig verteilt.

Als nächstes der Kaffee. Die Tüte wird dort, wo später der Strohhalm ist, einfach nur so auf den Dorn aufgesteckt, 8 Unzen warmes Wasser dazu, abnehmen und ebenfalls gut durch­walken. Rührei und Kaffee kommen zum Aufwärmen jetzt in den kleinen Ofen nach unten. Klappe schließen und etwa 20 Minuten warten. Dem Müsli mit Milchpulver gebe ich wie dem Rührei nur etwas kaltes Wasser zu und hefte es mit den anderen Frühstücksteilen an die Außenseite der Schubladen, die übersät sind mit Klettverschlußstreifen, wie überhaupt alle Wände hier im Shuttle. In der Schwerelosigkeit kann man nichts „hinlegen". Alles würde wegdriften. Daher hat ohne Ausnahme jedes Teil ein kleines blaues Klettverschlussstück aufgeklebt, mit dem man es auf die Gegenstücke an den Wänden des Shuttles anheften kann. Dazu ist jede freie Stelle des Shuttles mit den Klettverschluß-Gegenstüc­ken bedeckt.

Die Toilette ist eine ganz besondere Erfindung der NASA. Sie hat so viele Entwicklungs­stadien und Versionsänderungen durchlaufen, daß alle Shuttletoiletten der NASA zusammen 23,4 Millionen Dollar gekostet haben. Dafür hat sie eine relativ hohe Zuverlässigkeit, die nicht nur aus Sicht der Astronauten wünschenswert ist, sondern missionsentscheidend sein kann. Ein Ausfall der Toilette kann nach den Flugregeln der NASA nämlich den Abbruch einer Mission zur Folge haben.

Die Toilette im Weltall
Die Toilettenecke lässt sich mit einem Zieharmonika-Vorhang vom Rest des Middecks abgrenzen, so daß man während der in der Schwerelosigkeit zeitaufwendigen Prozedur ganz für sich allein ist. Über der eigentlichen Toilette sind verschiedene Fächer angebracht, wo man alle, auch die zum Waschen notwendigen Utensilien vorfindet: Also Frotteetücher, Papiertücher, aber auch ein Nassabfallsack - und schließlich die wichtigen, kleinen Plastiktrichter. Jeder Astronaut hat hier für das kleinere Geschäft seinen Trichter mit seiner persönlichen Kennungsfarbe verstaut. Die exakt kreis­runden Trichter für die Herren und die mehr ovalen für die Damen haben die Größe von großen Schnapsgläsern mit einen Bajonettverschluß am unteren Ende. Als erstes steckt man den Trichter auf das Ende eines langen flexiblen Schlauches und legt dann einen kleiner Schalter um, der den Unterdruckmotor hochlaufen l äßt.

Dies ist die kritischste Phase überhaupt. Jeder Astronaut im Middeck kennt den hochlaufen­den Ton nur allzu genau. Auch wenn er so tut als arbeite er unbeeindruckt weiter, so hört doch jeder sehr genau hin, ob der Motor auch wirklich seine Enddrehzahl erreicht. Wenn nicht - und das ist schon öfter vorgekommen - gibt es Probleme! Wenn das Wechselventil auf "Schlauch" steht, dann saugt der Motor nun viel Luft durch den Schlauch. Alles weite­re, denke ich, kann ich der Phantasie des Lesers überlassen. Vielleicht sollte ich nur hinzu­fügen, daß die Gleichberechtigung im Weltraum so weit verwirklich ist, daß Männlein wie Weiblein dabei stehen können. Doch Vorsicht! Wer keinen sicheren Halt hat, driftet dabei durch die Gegend!

Die größeren Geschäfte verlangen mehr Zeit und Aufwand. Auch hier lässt man zunächst den Unterdruckmotor hochlaufen - hört dabei wieder genau hin - und stellt das Wechselven­til auf "Toilette". Nach entsprechender Vorbereitung schwebt man dann rücklings auf den ausladenden, traktorähnlichen Sitz. Wie man sich leicht vorstellen kann, ist hier, mehr als sonst, ein fester Sitz das A und O. Dazu zieht man die beiden neben dem Sitz angebrachten beigen Bügel nach oben und dreht sie über die Oberschenkel. Die Bügel sind federnd gela­gert und drücken so die Oberschenkel und damit den eigenen Körper fest auf den Sitz. Wer auf Nummer sicher gehen will, kann sich noch die beiden Füße unten festschnallen.

Nach diesen längeren Vorbereitungen - soviel Zeit muss man sich schon nehmen, auch wenns pressiert - kann es endlich losgehen. Der Unterdruck hat inzwischen Teile der Luft aus dem großen, kugelrunden Hohlraum unter dem Sitz ausgepumpt. Mit dem Hochziehen des großen Hebels, rechts neben dem Sitz wird zunächst ein Druckausgleich zwischen dem Hohlraum und dem Außenraum geschaffen, was mit einem lauten Zischen vor sich geht. Danach legt man den Hebel nach vorn. Mit dieser Bewegung öffnet sich ein etwa Handteller großer Schacht in der Mitte des Sitzes und es entsteht ein Luftstrom. Jedoch nicht direkt von oben - da sitzt man nämlich - sondern seitlich von unter dem Sitz gelangt der Luftstrom in den Bereich des Schachtes, reißt alles was sich dort auch befinden mag mit sich und führt es in den Hohlraum, wo der Strom in Richtung der Wände fließt und alles fein säuberlich verteilt. So wird der Hohlraum, mal langsam, mal schneller, von außen nach innen gefüllt.

Das mag sich alles problemlos anhören, ist es aber nicht. Im Hohlraum wird nämlich nicht alles gleichmäßig verteilt, sondern durch den eintretenden Abstrom türmt sich das meiste von unten nach oben auf. Da hilft nur nachhelfen. Es ist Aufgabe des Bordingenieurs in gewissen Abständen nachzusehen und mit einem langen Schaft zu verteilen. Ein anderes Problem ist der Schacht, genaugenommen der Schachtdurchmesser. Er muß so gewählt sein, daß er nicht zu groß ist, sonst ist der Luftzug zu gering und alles bleibt bereits im Schacht stecken, und andererseits nicht zu klein, sonst trifft man nicht. Um dem Bordinge­nieur das Leben zu erleichtern, hat die NASA den Durchmesser relativ klein gewählt und dafür den Astronauten eine Trainingstoilette für Zielübungen in Houston spendiert.

Nach diesem kleinen Ausflug in die weltraum-technische Lösung ganz natürlicher menschlicher Bedürfnisse zurück ins Shuttle. Da der Kaffee und das Rührei noch nicht warm sind, kann ich nach dem Händewa­schen gleich die Morgenwäsche anschließen. Direkt gegenüber der Toilette, an der Seiten­wand der Küche, hängt an einem Schlauch die Spritzpistole für Wasser. Ich hole mir ein neues Handtuch und die Tube mit Flüssigseife, feuchte das Handtuch mit der Pistole an und reibe etwas Seife hinein. Damit wische ich mir den gesamten Körper ab, bis ich mich wieder frisch fühle. Das gebrauchte Handtuch stecke ich an jeder Ecke in Halter auf der Innenseite der Toilettentür, so daß das Tuch neben all den andern leicht aufgespannt ist und trocknen kann. Dafür hole ich mir noch ein neues Tuch und trockne damit den Körper wieder gründlich ab. Das war's! Das Haarewasche geht fast genauso: Wasser in die Haare spritzen, Shampoo darauf, durchmassieren, mit einem trockenen Handtuch wieder ausrei­ben, frisches Wasser auf die Haare, wieder abreiben ... bis die Haare sauber und trocken sind.

Als letztes die Zähne putzen und rasieren. Also, Zahncreme auf die Zahnbürste und wie gewohnt bürsten. Und wohin damit? Da gibt es zwei Methoden. Die einen schlucken ein­fach hinunter (es ist alles nur eine Sache der Gewohnheit) oder man spuckt in das bereits feuchte Handtuch. Für das Rasieren gibt es ausschließlich Trockenrasierer an Bord. Jeder Astronaut hat seinen eigenen und der reicht ohne Auspusten - was man tunlichst unterlassen sollte - spielend für einen Shuttleflug.

Das Frühstück ist fertig. Ich hole Kaffee und Rührei aus dem Ofen, nehme meine Schere aus dem Besteckbeutel, den jeder stets bei sich führt, und schneide die Abdeckfolie des Schälchens kreuzweise auf, wodurch Laschen entstehen, die das Rührei bei vorsichtiger Handhabung weiterhin im Schälchen halten. Mit der Gabel fahre ich unter die Laschen, steche das Rührei auf und kann es so zusammen mit dem Kaffee, den ich über einen Plastik­strohhalm aussauge, genießen. Der Yoghurt zum Abschluß befindet sich in einer kleinen Aluminiumdose, die man einfach aufreißt und danach den Yoghurt mit einem Löffel ißt. Wie das geht? Alles was feucht ist klebt auch. Wenn man also mit dem Löffel in die Dose hineinfährt, liegt der Yoghurt nicht auf dem Löffel, sondern er hängt. Man muß nur entsprechend vorsichtig sein. Genauso kann man übrigens auch Suppen essen! Man fährt mit dem Löffel unter die Laschen des Schälchens und alles was am Löffel hängen bleibt - und da macht es keinen Unterschied ob in der Löffelmulde oder unter dem Löffel - kann in den Mund geschoben werden. Aber Achtung, den Löffel nicht schnell bewegen!

Essen im Weltall

Genau genommen sollten die Astronauten zum Essen ein Tablett benutzen, so wie es in der Abbildung meine Astronauten-Kollegin Rhea Seddon während ihrer Mission STS-51D, im April 1985 tut. Das Tablett enthält Aussparun­gen für die diversen Verpackungen und einem Magnethalter für das Besteck. Aber das ist zu unpraktisch - es gibt besseres: Weil auch die Vorderseite der Hose der Astronauten mit Klettverschlußstreifen benäht ist, kann man sich das ganze Frühstück dort anheften, schwebt auf das Flugdeck in einen der beiden Pilotensitze, heftet das Essen an die Panels und genießt beim Blick auf die Erde!

Wie man sieht, macht das Essen im Weltraum keine Probleme. Im Gegenteil, es macht sogar Spaß, weil man die Speisen und die Flüssigkeit nicht immer zum Mund führen muss,

sondern zunächst vor sich herschweben lassen kann, bis man ausreichend animiert ist, sich dem Genuß hinzugeben. Aber Achtung! Das geht nur im Middeck. Auf den Pilotensitzen ist das strengstens untersagt. Findet der Commander Spaghettisoße irgendwo auf den Panels dann gibt es dort Essverbot für den Rest des Fluges!

Eine Besonderheit des Weltraums und zugleich ein auffallendes Problem ist die spätere Entlüftung. Hier auf der Erde sucht sich wegen der Schwerkraft die mit dem Essen und vor allem Trinken hinuntergeschluckte Luft immer den Weg nach oben. In der Schwerelosigkeit kann sich die Luft im Magen nicht vom Essen trennen, und damit bleibt der Luft eigentlich nur noch der Weg zum anderen Ausgang. Das funktioniert sehr gut, und weil sich dem keiner entziehen kann, ist es auch gemeinhin akzeptiert!

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Last Updated: 1/07/05
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